Der öffentliche Raum

Es gibt einen physischen Ort in der Stadt, für den wir als Gesellschaft gemeinsam verantwortlich sind. Einen Raum, der sich aus der Vielzahl der gebauten und den lebendigen Individuen formt und der uns Handlungs- und Bewegungsraum ist:

 Der öffentliche Raum. 

 Zu oft aber ist der öffentliche Raum funktional so stark zoniert, abgegrenzt, in verschiedene Geschwindigkeiten eingeteilt oder aber von Anfang an mit dem Zweck der reinen Erschließung entworfen, dass wir uns darin immer weniger begegnen, diesen Raum nicht aushandeln, nicht verhandeln, sondern uns in Bahnen gelenkt hindurchbewegen. 

 Problematisch wird es dann, wenn öffentliche Räume rein linear in der Bewegung (Durchgangsverkehr) beansprucht werden, nur bruchstückhaft räumlich gefasst sind oder aus anderen Gründen - wie beispielsweise einer fehlenden umliegenden Nutzung - keine Beziehung zwischen der umliegenden Bebauung und dem öffentlichen Raum entstehen kann. Dann wird kein Aufenthalt mehr zugelassen, der Ort lädt nicht (mehr) ein, von verschiedenen Menschen temporär angeeignet und verhandelt zu werden. Wenn Aneignung nur über Besitz und nicht über Zugehörigkeit verstanden wird. Dann befinden sich die öffentlichen Räume häufig in einer Abwärtsspirale, die dann nur durch mutige planerische Maßnahmen zu durchbrechen sind. 

 Lesart des Zwischenraums

Wie also lesen wir diesen Zwischenraum? Zwischenraum meint all die öffentlichen Räume, die sich nur über das >Dazwischen< charakterisieren lassen, aber keine eigenständige Identität haben, die rein funktional entworfen wurden, aber keine räumliche Qualität entfalten. Und wie lesen wir die Resträume, die zwischen Straße, Schiene und Fluss übrigbleiben? Welche Qualität, welche Identität kann der öffentliche Raum hier bekommen? Wie kann er (wieder) mehr verstanden werden als Plattform gesellschaftlicher Aushandlung, Begegnung, Gleichzeitigkeit und Vielheit? Zugleich identitätsstiftend für den Ort, AnwohnerInnen verbindend, biodivers und klimaresilient? 

 Und mit welchen Methoden „lesen“ wir diesen Raum und schreiben ihn fort? Unsere aktuellen Planungs- und Bauaufgaben – egal welcher Maßstäblichkeit – erfordern mehr und mehr auch eine analytische Kompetenz. Egal ob es um Altbausanierung und Umbauvorhaben geht oder Aufgaben der Stadtreparatur. Zunächst muss verstanden werden, was da ist, wo das „Problem“ ist, was die ursprüngliche Struktur, den Charakter, die Identität eines Ortes ausmacht, bevor „Lösungs“-Möglichkeiten vorgeschlagen werden können.

 Ausgehend von der These, dass in der Lesart des Raumes, bereits die Konzeption des Entwurfs begründet ist, wird die Analyse des Raums als Teil des Entwurfs verstanden. Der Begriff Lesart meint damit nicht nur die Analyse, sondern bereits eine erste Interpretation des Vorgefundenen.

 Drei Durchgangsräume:

Saarbahn, Saar und Saarautobahn

Anhand von drei verschiedenen Durchgangsräumen wollen wir uns mit oben genannten Fragen auseinandersetzen. Die Projektvertiefungen dienen einer Einordnung in einen wissenschaftlichen Bezugsrahmen einerseits und einer explorativen Annäherung an den Raum andererseits. Was liefern uns die Soziologie und die historische Betrachtung eines Raumes für Erkenntnisse, die uns helfen, die Räume neu lesen zu können? Und wie kann die Fortschreibung der Räume an der Schnittstelle zwischen Kunst und Städtebau eine neue Nutzbarkeit der Räume ermöglichen?

 Plätze wie der kollektiv initiierte „Park Fiction“ in Hamburg oder der „Superkilen“ in Kopenhagen zeigen in bunter Farbe und bildhafter Übersetzung, wie sich an diesen Schnittstellen und aus einem tiefen Verständnis des Ortes das Vorgefundene mutig in eine neue Zukunft transformiert werden kann. Transformationsprojekte wie der „Gleisdreieckpark“ in Berlin oder die „Highline New York“ zeigen, wie das Vorgefundene selbst zum identitätsprägenden Element werden kann.

 Die besondere Herausforderung der im Rahmen des Projekts zu betrachtenden Orte wird – im Unterschied zu den genannten Referenzen – sein, dass sie „im laufenden Betrieb“ transformiert werden müssen. Alle Orte müssen ihre bestehende Nutzung behalten. Ziel des Entwurfs ist also, sie als Bewegungsräume zu erhalten und trotzdem zu Begegnungsräumen umzugestalten.

 Die eigentlichen Entwurfsorte werden mittels der Analyse entlang der Verbindungsräume selbst festgelegt. Der Betrachtungsraum erstreckt sich auf die linearen Verbindungsräume zwischen Saarlouis über Saarbrücken bis Sarreguemines entlang der Saar. Die Orte können entweder im urbanen, suburbanen oder ländlichen Raum gewählt werden.

Der Einstieg in das Projekt erfolgt über wöchentliche Kurzvorlesungen und seminaristischen Diskussionen sowie wöchentlichen Übungsaufgaben, welche den Entwurf schrittweise vorbereiten. Dabei werden wir uns mit urbanistischen Konzepten wie z.B. dem Konzept der „Zwischenstadt“, der „gegliederten und aufgelockerten Stadt“ oder dem der „autogerechten Stadt“ genauso auseinandersetzen wie mit der Debatte um Funktionstrennung/Funktionsmischung, der Frage nach der „Identität“ von Orten oder dem Erbe der Industrialisierung entlang der Saar.

 Projektvertiefung 1:                                                 Projektvertiefung 2:

Soziologischer und historischer Kontext                  Kunst im öffentlichen Raum

Prof. Dr. Ulrich Pantle                                                  Dipl.- Ing. Julia Pohl